ANZEIGE

Interview mit Rotraut Susanne Berner

Eine Wimmelszenerie zu betrachten, ist schon ein großes Vergnügen. Sie erzählen jedoch in Ihren fünf Wimmelbüchern ganze Bildromane. Wie entstand diese Idee?
Ich habe ja die Wimmelbilder nicht erfunden.Vor mir gab es – unter anderem – die Herren Brueghel und Mitgutsch, um mal nur zwei zu nennen. Ich wollte also unbedingt etwas Neues machen und da ich mehr von der Literatur herkomme und mich das Erzählen schon immer interessiert hat, entstand die Idee, den „Zeitfaktor“, den man als Erzähler ja unbedingt braucht, stärker einzubeziehen. Und in den fünf Wimmelbüchern sind die gängigen Zeiten jetzt alle enthalten: sowohl alle Jahreszeiten, als auch alle Tageszeiten, inklusive der Nacht. Dass es ein ganzer Roman würde, war mir von Anfang an nicht gleich klar. Das hat sich nämlich aus den oben genannten Vorgaben fast von alleine ergeben. Denn die handelnden Personen begegnen einander ja zwangsläufig und es gibt folgenreiche Ereignisse, die sich durch die Jahres- und Tageszeiten beobachten lassen.Reizvoll war für mich auch die Möglichkeit, dass man die jahreszeitlichen Veränderungen so ganz nebenbei in Stadt und Natur zeigen kann. Es gibt also sehr viele Aspekte der „Lesbarkeit“ dieser Bücher: Man kann sie als eine Art Sachbuch lesen  oder als „Roman“, als reines Bilderbuch, oder als Such- und Findebuch (das ist es, was die kleineren Kinder automatisch machen).

Wie haben Sie über 80 handelnde Wimmelfiguren im Blick behalten?
Habe ich das überhaupt? Manchmal hatte ich das deutliche Gefühl, dass sie sowieso machen, was sie wollen. Im ersten Winter-Wimmelbuch habe ich die Stadt bevölkert mit mehr oder weniger mir unbekannten Menschen. Im Laufe der Arbeit wurden es dann immer mehr, es entstanden Begegnungen und Freundschaften und dann wurde es in der Tat so kompliziert, dass ich eine lange Liste der Personen angelegt habe, mit Namen und Eigenschaften und einem Bezugssystem. Also: wer kennt wen und wer ist mit wem verwandt? Kleine Ereignisse, die ich im Winter zum ersten Mal erfunden habe, wie zum Beispiel Susannes Hutgeschichte, haben sich dann im Laufe der Arbeit zu einem „running gag“ entwickelt, so dass Susanne in jedem Buch einen Hut verliert, oder einen neuen kauft, oder auch, wie im Sommer, einen Hut geschenkt bekommt. Ähnlich ist es mit Manfred, den Kinder auch deshalb lieben, weil er so schusselig und vergesslich ist. Dadurch gibt es doch so etwas wie Identifikationsmöglichkeiten, trotz der Vielzahl der Personen. Ich höre immer wieder, dass viele Kinder eine Lieblingsfigur oder ein Lieblingstier auserwählen und da war natürlich die Idee, den meisten Protagonisten einen Namen zu geben, sehr hilfreich.

Wie können wir uns Ihre Arbeit genau vorstellen? Welche Arbeitsschritte gibt es?

  1. Am Anfang steht bei mir immer die Geschichte. Ich habe also zuallererst überlegt, welche Orte und Plätze in einer Stadt wichtig sind. Darüber gab es mit dem Lektorat zahlreiche Gespräche, bis wir uns auf die sieben Schauplätze, die man jetzt in den Büchern sieht, geeinigt hatten. Ich wollte auch ein Stück Natur zeigen und deshalb handelt es sich bei Wimmlingen um eine eher kleine Stadt, die im Grünen liegt.
  2. Danach gab es eine Skizze dieser Orte, die so aneinandergereiht sind, dass sie ein einziges riesiges Panorama bilden. Eines, das sich sogar am Ende zu einem Kreis zusammenbauen lässt. Ganz vorne gibt es eine Straße. Sie ist eine Art „Laufband“, auf dem sich die wichtigsten Geschichten von links nach rechts abwickeln. Weder bei diesem Panorama, noch bei den Geschichten war es für mich bedeutungsvoll, eine Realität abzubilden. Schließlich handelt es sich um einen Roman, und da darf und muss man ja vieles erfinden. Bei Landschaft und Architektur habe ich mir die Freiheit genommen, sie als Kulissenstücke zu zeichnen, ohne auf Größenverhältnisse und Perspektiven allzuviel Rücksicht zu nehmen. Dadurch sind die Bilder leichter erfass- und lesbar. Es gibt also nicht den berühmten 45-Grad Winkel von oben, den die meisten Wimmelbücher haben. Es ist eher der Blick aus dem Zuschauerraum auf eine Bühne, deren Bilder und Figuren sich von links nach rechts bewegen.
  3. Bei jeder Jahreszeit habe ich zuerst eine Art Drehbuch verfasst. In diesem werden die wichtigsten Ereignisse beschrieben. Also zum Beispiel im Herbst die Einweihung des Kindergartens, der Kürbiswettberb und der Laternenumzug. Oder im Sommer der Geburtstag von Susanne im Park, der Flohmarkt und das Gewitter. Daneben sollte es aber noch jede Menge kleinerer Ereignisse geben. Viele davon spielen dann im nächsten Buch wieder eine Rolle.
  4. Der nächste Schritt ist das sogenannte „storyboard“, wie man es auch vom Film her kennt. Das ist die skizzenhafte Darstellung der Personen und Ereignisse vor dem (feststehenden) Panorama. Hier gibt es jetzt schon ein paar zusätzliche Details, die oft mit der jahreszeitlichen Veränderung zu tun haben: zum Beispiel der Veränderung der Bäume, Fortschritte beim Bau des Kindergartens, oder der wechselnden Schaufensterdekoration im Kaufhaus usw.
  5. Auf ganz traditionelle und altmodische Weise habe ich im nächsten Schritt die Hintergrundlandschaft, die Häuser und Bäume und die Personen, Tiere und Fahrzeuge mit einem schwarzen Konturenstift auf einen großen Bogen Papier gezeichnet und am Ende dann mit Farben ausgemalt.

Warum haben Sie haben Sie genau diese Illustrationstechnik und Farbgebung für die Wimmelbücher gewählt?
Ich hätte auch eine andere Technik wählen können. Zum Beispiel Wasserfarben (Aquarellfarben), aber ich bevorzuge Farben, bei denen sich das Papier nicht so stark verziehen kann. Ich habe also für die Hintergründe Pastellkreiden verwendet, mit denen man auch sehr schön Wetterphänomene herstellen kann, wie zum Beispiel zarte Wolken und Himmelsfarben. Alles was genaue Farben braucht, die man auch wiedererkennen soll, zum Beispiel in den Kleidungen, ist mit Temperafarben (man kann auch Gouachefarben sagen) gemacht. Diese Farben sind deckend oder lasierend, wie man es haben möchte. Ganz zum Schluss wurden die Konturen nochmal korrigiert. Die Kontur, im Comic auch „ligne claire“ genannt, spielt eine wichtige Rolle bei der Identifikation der Figuren und ihrer Lesbarkeit. Ganz am Schluss kommt das Deckweiß zum Einsatz für alle weißen Teile. Sehr wichtig vor allem im Winterbuch, in dem es auf den letzten Seiten anfängt zu schneien.

Wie lange haben Sie an jedem Band gearbeitet?
Für den ersten Band, das Winter-Wimmelbuch, habe ich sehr lange gebraucht. Erstens weil ich dafür das ganze Panorama zum ersten Mal erfinden musste, und zum zweiten, weil ich es im Sommer 2003 gemalt habe. Das war der heißeste Sommer aller Zeiten. Alle Ventilatoren waren ausverkauft und ich saß in meinem Atelier und ließ es schneien. Das war schon komisch. Ich glaube, dafür habe ich fast drei Monate gebraucht.

Wimmelbücher gibt es auch von anderen Illustratoren. Warum, glauben Sie, haben Ihre Bücher – inzwischen in einer Auflage von über 1,5 Millionen – so großen Erfolg bei Kindern und Erwachsenen, bei uns und auch international in 20 Ländern?
Schade, dass man das nicht die vielen Leser fragen kann. Ich kann nur vermuten, dass es daran liegt, dass man die Bücher auf so unterschiedliche Weise lesen kann. Ganz kleine Kinder zeigen nur auf die einzelnen kleinen Bilder, die sie erkennen, und lernen dabei das Sprechen. Größere entdecken plötzlich die Geschichten, und da es so viele kleine Nebenschauplätze gibt, gibt es auch für richtige Wimmelbuch-Kenner oft noch Überraschungen. Kinder können diese Bücher völlig autonom lesen, sie brauchen den erwachsenen Vorleser nicht – im Gegenteil – meistens sind sie die viel genaueren Betrachter und Entdecker. Ein weiterer Grund könnte sein, dass sogar die Großen ihren Spaß daran haben. Zumindest höre ich das oft von Erwachsenen, die mir dafür danken, dass die Bücher für sie – auch nach dem hundertsten Male – nicht langweilig werden. Ein größeres Kompliment könnte ich nicht bekommen. International funktionieren die Bücher vielleicht trotz europäisch/deutscher Einfärbung, weil sich viele in den Wimmlingern und ihren kleinen Abenteuern doch irgendwie wiedererkennen. 

Wie kommen Sie auf die oft lustigen Geschichten? Manfred der Jogger rutscht auf einer Bananenschale aus und trifft dadurch Elke, seine große Liebe … Daneben gibt es Figuren wie Oskar mit der Gans, die immer ein wenig geheimnisvoll bleiben.
Manche Figuren sind aus meinem Leben gegriffen. Jeder hat in seinem Bekanntenkreis Einen, der vergesslich ist, oder vielleicht Eine, die einen kleinen Tick hat. Die gibt es natürlich auch in Wimmlingen. Und weil Wimmlingen ja eher überschaubar ist, trifft man sich auch schon mal auf dem Marktplatz und lernt sich kennen. Und so ist es naheliegend, dass die Dinge ihren Lauf nehmen und man sich zum Beispiel verliebt. Oskar mit der Gans gehört für mich zu der Spezies, die es überall auf der Welt gibt, die oft merkwürdige Dinge mit sich herumtragen, eigenartig angezogen sind oder sich anders benehmen. Man weiß nichts Genaues über sie, man sieht sie vielleicht auch nie wieder, aber sie beflügeln unsere Phantasie und tragen sehr zur Lebendigkeit unserer Umgebung bei.

Kinder erzählen häufig von den Wimmlinger Helden wie von netten Nachbarn, sie leben mit ihnen. Welche Figuren sind Ihnen besonders ans Herz gewachsen?
Ich mag aus naheliegenden Gründen besonders den Buchhändler Armin, fühle mich aber auch Petra, der Leseratte, sehr nahe. Und dann natürlich die Katze Monika – ganz Wimmlingen ist ihr Revier und ich glaube, sie kennt dort den kleinsten Winkel.

Warum haben Sie sich für die Kulisse einer weitgehend heilen kleinstädtischen Welt entschieden?
Einer Großstadt könnte ich auf 7 Doppelseiten unmöglich gerecht werden. Immer würde etwas fehlen. So ein Buch kann immer nur ein kleiner Ausschnitt aus der Welt sein. Die Welt meiner Leser und Leserinnen ist ja meistens auch noch sehr klein – in Wimmlingen können sie sich prima zurechtfinden. Und wenn man genau hinschaut, gibt es sogar dort einen Hauch von Großstadt.

Welches Interesse treibt Sie, wenn Sie eigene Bücher entwickeln oder die anderer Autoren illustrieren?
Ich selber habe immer sehr gerne gelesen und ich kann mir eine Welt ohne Bücher gar nicht vorstellen. Natürlich brauchen nicht alle Bücher Bilder, aber manchmal ist es schön, vor allem für Kinder, wenn die Geschichten illustriert sind. Bilder haben eine ganz eigene Sprache und wenn sie gelingen, dann kann man einer Geschichte noch etwas Neues hinzufügen: wie Musik im Film oder die Bühnenbilder am Theater. Bücher kann man überall hin mitnehmen, man kann sie immer und immer wieder lesen und anschauen, sie haben einen Geruch und jedes fühlt sich anders an. Das ist wunderbar und das kann kein E-Book, kein App und keine DVD.

Die FAQ aller Wimmelfans: Wird es ein neues Wimmelprojekt geben?
Vielleicht sollte man dazu mal eine Umfrage in Wimmlingen machen? Ich schließe mich also dieser Frage erst einmal an und hoffe, dass ich sie irgendwann einmal richtig beantworten kann. Aber eines kann ich mit Sicherheit sagen: der Verlag und auch ich werden garantiert dafür sorgen, dass es weitere schöne Sachen rund um Wimmlingen geben wird.

Vielen Dank.

Mit Rotraut Susanne Berner sprach Andrea Deyerling-Baier
Gerstenberg Verlag, 2013

> Download Interview (PDF)